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Von Indianapolis nach Bologna: Der Lucenti ist noch immer unüberhörbar

Es ist der 30. Mai 1934. Auf dem Indianapolis Motor Speedway steht das 500-Meilen-Rennen kurz vor dem Start. Stellen Sie sich Herb Ardinger vor, tief hinter dem Lenkrad des Lucenti Special sitzend. Ein letzter Blick in die Runde, dann legt er den ersten Gang ein. Vor ihm liegen 200 Runden. Hinter ihm liegen Monate der Vorbereitung – und ein früherer Versuch, der bereits vor dem Start gescheitert war.
Sein Wagen trägt die Startnummer 24. Unter der langen Motorhaube arbeitet ein Graham-Reihenachtzylinder, auch das Fahrgestell stammt von dieser Marke. Es handelt sich also nicht um einen speziell für den Rennsport konstruierten Miller, sondern um einen eigenwilligen Herausforderer mit Wurzeln im amerikanischen Serienautomobilbau. Vom vierzehnten Startplatz aus muss sich zeigen, wie weit ihn diese Kombination bringen kann.

 

Die Anfänge

Die Geschichte beginnt 1932, als Angelo Lucenti, Roy Painter und John Saunders aus Pittsburgh beschließen, ihren eigenen Indianapolis-Rennwagen zu bauen. Als Grundlage wählen sie einen Graham Blue Streak Eight. Ihre erste Konstruktion trägt den Namen LuPaSa Special, gebildet aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. Die Qualifikation für Indianapolis erweist sich in diesem Jahr jedoch als zu große Hürde.

Die Wahl eines Graham ist wohlüberlegt. Der Blue Streak besitzt ein ungewöhnlich niedriges Fahrgestell mit Öffnungen in den Längsträgern, durch die die Hinterachse geführt wird: der sogenannte ‘Banjo Frame’. Die Blattfedern liegen neben den Fahrgestellträgern, wodurch der Wagen noch tiefer gebaut werden kann. Eine attraktive Konstruktion für alle, die einen niedrigen und stabilen Rennwagen entwickeln möchten. Auch der Motor wird gründlich überarbeitet. Der 4,3-Liter-Reihenachtzylinder mit seitlich stehenden Ventilen erhält größere Ventile, eine Nockenwelle mit höherem Ventilhub und einen speziellen Ansaugkrümmer mit vier Winfield-Model-SR-Vergasern.

Dieses Konzept passt zu den Indianapolis-Regularien der frühen 1930er-Jahre, die als ‘Junk Formula’ bekannt wurden. Sie ließen Raum für Specials, die Technik aus Serienautomobilen verwendeten. Der wenig schmeichelhafte Spitzname wird dem Einfallsreichtum, den solche Projekte erforderten, kaum gerecht. Einen Personenwagen in eine Maschine zu verwandeln, die 500 Meilen im Renntempo durchhalten musste, verlangte erheblich mehr als nur das Entfernen von Kotflügeln und Beleuchtung.

 

1934 kehrt der Wagen als Lucenti Special zurück. Ardinger qualifiziert sich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 180 km/h. Während des Rennens übernimmt Danny Day zeitweise das Steuer; gemeinsam bringen sie den Graham über die gesamte Distanz und auf den zehnten Platz. Die Durchschnittsgeschwindigkeit im Rennen beträgt einschließlich der Stopps mehr als 154 km/h. Hinter diesem auf den ersten Blick bescheidenen Ergebnis stehen mehr als fünf Stunden Renneinsatz und 800 Kilometer mechanischer Belastungsprobe.

 

Am Steuer

Nun schreiben wir das Jahr 2026. Auch wir treffen Vorbereitungen, allerdings liegt unser Ziel diesmal in Bologna. Der Lucenti begleitet uns zur Auto e Moto d’Epoca, wo er auf dem Stand von PreWarCar.com zu sehen sein wird. Im Laufe der Jahre ist er eher zu einem Sammlerfahrzeug geworden, doch sobald man hinter dem Lenkrad sitzt, zeigt sich, wie viel von seinem ursprünglichen Charakter noch immer vorhanden ist.

Das beginnt bereits beim Einsteigen. Um den Zugang zu erleichtern, lässt sich das Lenkrad abnehmen. Trotzdem muss man vorsichtig und kontrolliert in das Cockpit hinabgleiten. Man sitzt tief in der Karosserie und fühlt sich erheblich geschützter, als es das offene Cockpit von außen vermuten lässt.

Das Starten ist überraschend unkompliziert. Benzinzufuhr öffnen, Zündschalter zu sich heranziehen und anschließend das Starterpedal neben dem Gaspedal betätigen. Der Reihenachtzylinder erwacht mit einem tiefen, rauen Brüllen zum Leben, das augenblicklich die gesamte Umgebung erfüllt.

 

Das amerikanische Dreiganggetriebe lässt sich leicht bedienen. Der erste Gang liegt links unten, und der Lucenti setzt sich in Bewegung. Im zweiten Gang zieht er lange und kraftvoll durch, während der dritte zeigt, wie mühelos der Wagen Geschwindigkeit aufnimmt. 120 km/h klingen hinter seinem Lenkrad völlig anders als in einem modernen Auto: Der Fahrtwind, das Singen der geradverzahnten Zahnräder und der ungedämpfte Auspuff verleihen jedem Kilometer Nachdruck.

Dabei liegt der Graham bemerkenswert stabil auf der Straße. An dieser Stelle erhält das in der technischen Beschreibung erwähnte niedrige Fahrgestell plötzlich eine sehr greifbare Bedeutung. Auch die hydraulischen Bremsen überzeugen. Auf öffentlichen Straßen müssen sie selbstverständlich mehr leisten als bei langen Passagen auf einem Oval, wo vor allem die Boxenstopps Anlass zum Verzögern boten.

 

Eine Fahrt mit dem Lucenti wird unweigerlich zu einem öffentlichen Ereignis. Köpfe drehen sich, Beifahrer in anderen Autos greifen zum Smartphone, und jeder Halt führt zu einem Gespräch. Die eleganten Linien ziehen zunächst die Aufmerksamkeit auf sich; sein Klang sorgt dafür, dass niemand seine Abfahrt übersieht.

 

In Bologna darf er für eine Weile stillstehen. Besuchen Sie ihn vom 22. bis 25. Oktober auf unserem Stand bei der Auto e Moto d’Epoca und betrachten Sie ihn aus nächster Nähe. Achten Sie auf die niedrige Sitzposition, die lange Motorhaube und das außergewöhnliche Fahrgestell. Und stellen Sie sich dann noch einmal Herb Ardinger vor – bereit für den Start.

 

Publiziert:
Donnerstag Oktober 15th, 2026

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