Das weltweite Magazin und der Marktplatz für Oldtimer-Enthusiasten – von Enthusiasten.
Das weltweite Magazin und der Marktplatz für Oldtimer-Enthusiasten – von Enthusiasten.
Wer die Teilnehmerliste der diesjährigen London to Brighton Veteran Car Run studiert hat, mag über einen unbekannten Namen gestolpert sein: einen Ricordi 8 HP Brake von 1899. Auch wir waren neugierig — unsere Nachschlagewerke gaben kaum Auskunft über diese geheimnisvolle Maschine. Also wandten wir uns an das Museo Nazionale dell’Automobile (MAUTO) in Turin, wo das Fahrzeug seit 1935 Teil der Sammlung ist.
„Der Wagen gehörte einst dem Ingenieur Alfredo Varni aus Pallanza am Lago Maggiore,“ erklärt Davide Lorenzone, Kurator des MAUTO und in diesem Jahr Fahrer des Ricordi beim Lauf. „Varni schenkte den Wagen 1935 dem Museum, nach einem langen Briefwechsel mit unserem Gründer Carlo Biscaretti di Ruffia — Briefe, die glücklicherweise bis heute erhalten sind. Das Fahrzeug befand sich damals in hervorragendem Zustand und ist es, abgesehen von wenigen Kleinteilen, bis heute geblieben. Unser Restaurationszentrum entschied kürzlich, den Wagen wieder fahrtüchtig zu machen, damit er an kulturellen Veranstaltungen wie der London to Brighton Veteran Car Run teilnehmen kann.“
Cavaliere Giuseppe Ricordi war kein gewöhnlicher Mann. Als Erbe des berühmten Musikverlags Casa Ricordi lag ihm Kreativität im Blut — doch seine wahre Leidenschaft galt der Technik. Um die Jahrhundertwende tauschte er den Notenschlüssel gegen die Antriebswelle und wurde zu einem Pionier der italienischen Automobilindustrie. In seinem Showroom in Mailand stellte er Marken wie Benz und De Dietrich vor und arbeitete an eleganteren, raffinierteren Formen des Automobils — den ersten Schritten hin zu dem, was später die italienische Designtradition werden sollte.
Ricordi war nicht nur Unternehmer, sondern auch Erfinder: Er patentierte innovative Motorenkonzepte und nahm gemeinsam mit seinen Söhnen an den ersten Autorennen Italiens teil. 1897 gründete er den Club Automobilisti di Milano, den ersten Automobilclub des Landes.
Der Wagen, der seinen Namen trägt, basiert auf einem Benz-Fahrgestell und wird vom berühmten Benz-„Contra-Motor“ angetrieben. Ricordi arbeitete mit dem renommierten Karosseriebauer Belloni zusammen, um nicht nur technische Exzellenz, sondern auch ästhetische Harmonie zu erreichen. Es war der Beginn des italienischen Ansatzes im Automobildesign: elegant, raffiniert und unverkennbar stilvoll.
Wer glaubt, der Ricordi sei leicht zu fahren, irrt sich. Es handelt sich um ein riemengetriebenes Fahrzeug ohne Kupplung. Zwei Hebel an der Hauptachse, direkt neben dem Lenkrad, steuern die Gänge: zwei Vorwärtsgänge, ein langsamer und ein Rückwärtsgang. Um zu schalten, muss der Fahrer zuerst schnell den Leerlauf finden — eine Hand am Lenkrad, die andere bei den Riemen. Der Riemen für den niedrigen Gang dient gleichzeitig als Rückwärtsgang, betätigt durch ein Pedal, das auch die Drehgeschwindigkeit des Getriebes steuert.
Es gibt zwei Bremsen — eine für den niedrigen Gang und eine für den Rückwärtsgang — sowie eine Feststellbremse auf der linken Seite. Dank der sehr niedrigen Übersetzung erklimmt der Ricordi Steigungen mühelos, wenn auch mit einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 4 km/h im niedrigen Gang. Lässt man beide Bremsen los, fährt das Auto im normalen Gang weiter.
Die Mechanik erfordert ständige Aufmerksamkeit. Die Öltropfschmierung muss ständig überwacht werden — eine für Zylinder und Kurbelwelle, die andere für die Ventile. Der Fahrer kann sie kaum sehen; diese Aufgabe fällt dem Beifahrer zu, der sich verrenken muss, um die Anzeigen im Blick zu behalten. Der Vergaser ist noch immer das ursprüngliche Maybach-Design: ein großer Tank mit einem speziellen Schwimmer und einem Auspuffrohr, das hindurchführt, um den Kraftstoff vorzuwärmen. „Es dauerte lange, bis alles richtig eingestellt war,“ sagt Lorenzone, „aber einmal justiert, funktioniert es perfekt.“
Und wer sich erst an das Fahren gewöhnt hat, stellt fest, dass sich der Ricordi erstaunlich gut bewegt. „Er ist schnell — fast 40 km/h im hohen Gang,“ ergänzt Lorenzone stolz, was durch die uns zugesandten Videoaufnahmen bestätigt wird.
Nach mehr als achtzig Jahren im Stand begann das MAUTO-Team vor zwei Jahren eine sorgfältige Restaurierung. Sowohl Wasser- als auch Kraftstofftank wurden vollständig erneuert, und eine fehlende Ölpumpe wurde in Frankreich aufgetrieben. Ursprünglich fuhr der Ricordi auf Luftreifen — Größe 1010x90 hinten —, doch da diese heute nicht mehr erhältlich sind, wurden Vollgummireifen montiert. Die Vorderräder erhielten 760x90 Pneus, was Lenkung und Fahrkomfort deutlich verbesserte.
Das originale Zündsystem fehlte und wurde durch eine neu gebaute Flatterzündung ersetzt, während der originalgetreue Verteiler erhalten blieb. Die hölzernen Zahnräder wurden exakt nach den ursprünglichen Spezifikationen nachgebaut. Soweit bekannt, existiert kein weiteres Exemplar dieses Autos; das Museum besitzt noch einen Ricordi, der jedoch in Wirklichkeit ein Benz mit Ricordi-Emblem ist.
Und so wird an diesem Sonntag um 6:56 Uhr der Automobili Giuseppe Ricordi 8 HP Brake von 1899 mit der Startnummer 31 starten. Ein wahrhaft besonderer Moment: Zum ersten Mal seit über einem Jahrhundert wird diese elegante italienische Maschine wieder aus eigener Kraft auf öffentlichen Straßen fahren.
Natürlich werden wir sie — zusammen mit den rund 400 anderen Teilnehmern — über den Livestream auf PreWarCar.com verfolgen, wo wir diesem bemerkenswerten, eleganten und absolut einzigartigen Stück italienischer Automobilgeschichte besondere Aufmerksamkeit schenken werden.
Text: Laurens Klein, Fotos: Dokumentationszentrum des Turiner Museums, Video von Matteo Grazia