Das weltweite Magazin und der Marktplatz für Oldtimer-Enthusiasten – von Enthusiasten.
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Wir schreiben das Jahr 1903. Das Automobil steckt noch in den Kinderschuhen, und nur eine Handvoll wohlhabender Industrieller kann sich eine derart revolutionäre Maschine leisten. In Nordwales gehört John Charles Edwards, ein erfolgreicher Unternehmer der Ziegel- und Dachziegelindustrie rund um Ruabon, zu dieser fortschrittlichen Elite. Von seinem beeindruckenden Landsitz Bryn Howel bei Llangollen aus beschließt er, eines der neuesten Wunderwerke der modernen Technik anzuschaffen: ein Automobil.
Für die Wartung dieser komplizierten Maschine benötigt Edwards jedoch jemanden, der nicht nur zuverlässig, sondern auch technisch versiert ist. Diese Person findet er in Thomas Davies, einem jungen Mann, der seine Laufbahn als Schmiedelehrling in Llangollen begonnen hatte. Innerhalb der Familie erinnerte man sich später an ihn als jemanden, der „geschickte Hände“ besaß. Sein praktisches Verständnis und sein handwerkliches Können machten ihn zum idealen Kandidaten für einen völlig neuen Beruf: Chauffeur und Mechaniker zugleich.
Bevor das Automobil in Betrieb genommen werden konnte, wurde Thomas nach Frankreich geschickt. Dort lernte er weniger das Fahren selbst als vielmehr die Wartung und Reparatur der komplexen Technik des Fahrzeugs. Möglicherweise erhielt er sogar eine Ausbildung direkt beim Hersteller. Ein erhalten gebliebener französischer Führerschein aus dem Jahr 1904 deutet darauf hin, dass seine Schulung weit über das bloße Führen eines Fahrzeugs hinausging und möglicherweise auch eine technische Qualifikation umfasste.
Ein Familienfoto aus jener Zeit hält das Ergebnis dieses bemerkenswerten Unterfangens fest. Thomas Davies steht stolz neben dem neuen Automobil, während vermutlich John Charles Edwards am Steuer sitzt, umgeben von Familienangehörigen. Im Hintergrund ist ein kleiner Junge mit einem Hund zu sehen. Sollte es sich dabei tatsächlich um John Francis Coster Edwards, den Sohn des Industriellen, handeln, erhält das Bild eine besondere historische Bedeutung. Vierzehn Jahre später sollte er als Hauptmann am 11. November 1918 fallen – am letzten Tag des Ersten Weltkriegs, nur wenige Stunden bevor der Waffenstillstand in Kraft trat.
Für Thomas bedeutete die Ankunft des Automobils den Beginn einer bemerkenswerten Karriere. Als sein Sohn 1908 geboren wurde, wurde sein Beruf offiziell als „Motor Driver“ eingetragen – eine der frühesten Berufsbezeichnungen für einen Automobilchauffeur. Viele Jahre blieb er im Dienst von Edwards und entwickelte sich zu einem erfahrenen Fahrer und Mechaniker in einer Zeit, in der derartige Fachkenntnisse äußerst selten waren.
Sein Interesse an der Technik des Automobils reichte weit über seine tägliche Arbeit hinaus. Thomas war in den frühen Jahren des britischen Motorsports aktiv und arbeitete als Mechaniker bei Rennen in Brooklands, jener berühmten Rennstrecke, die als Wiege des britischen Motorsports gilt. Zudem verfolgte er mit großem Interesse die Geschwindigkeitsrekordversuche auf Pendine Sands, wo die Pioniere der Automobiltechnik die Grenzen von Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit ausloteten.
Die Verbindung zwischen den Familien Davies und Edwards blieb über viele Jahre bestehen. Noch 1922 lebte die Familie Davies in einem bescheidenen Cottage auf dem Gelände von Bryn Howel.
Mehr als ein Jahrhundert später fasziniert seine Geschichte noch immer, und sein Urenkel sucht nach weiteren Informationen. Welches Automobil fuhr er genau? Wo in Frankreich erhielt er seine Ausbildung? Und wie verlief sein Weg vom Dorfschmied zum Chauffeur, Mechaniker und Pionier des Automobils? Fragen wie diese laden zu weiteren Nachforschungen ein, zeichnen aber bereits heute das Bild eines außergewöhnlichen Lebenswegs.
Text: Laurens Klein, Foto: Rhys Davies (Urenkel)