Das weltweite Magazin und der Marktplatz für Oldtimer-Enthusiasten – von Enthusiasten.
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In einer ruhigen Straße, unweit des legendären Autodrome de Linas-Montlhéry, biegen wir in eine schmale Gasse ein. Eine Moschee öffnet gerade ihre Türen; es ist geschäftig, lebhaft und chaotisch. Sind wir hier wirklich richtig? Dann gleitet ein Tor auf. Dahinter: Ruhe. Ein Innenhof, umgeben von geschlossenen Garagentoren. Ein Tor steht offen. Ein Schild des Festival of Slowth ist zu sehen. Und dahinter erkennen wir sofort das charakteristische Heck dessen, weshalb wir gekommen sind: ein Lacroix-de-Laville La Nef.
Das Dreirad wird aus der Scheune gerollt. Das nasse Gras macht es nicht leichter; der Lederriemen zum linken Hinterrad rutscht durch. Ein kleiner Schubs hilft. Die letzte große Ausfahrt war während Covid; eine Maske unter der Sitzbank erinnert daran.
Für jene, die die Marke nicht kennen: Lacroix-de-Laville, besser bekannt als La Nef, war ein kleiner französischer Hersteller aus Agen, aktiv von 1902 bis etwa 1909. Gründer Joseph Lacroix experimentierte bereits 1896 mit motorisierten Dreirädern, häufig mit Motoren von De Dion-Bouton. Insgesamt entstanden schätzungsweise nur rund 200 Exemplare. Besonders Ärzte und wohlhabende Bürger schätzten das moderne, aber vergleichsweise einfache Fahrzeug in den Pionierjahren des Automobils.
Das Konzept ist eigenwillig: ein Vorderrad, zwei Hinterräder, ein Holzrahmen und eine lange Lenkstange, liebevoll „Kuhschwanz“ genannt. Hat man sie einmal in der Hand, erklärt sich der Name von selbst. Die Leistung lag zwischen 3 und 8 PS; dieses Exemplar besitzt einen kräftigen 6-PS-Einzylinder mit Solex-Vergaser. Dank der cleveren Bozier-Getriebelösung ist er erstaunlich flott.
Das Starten ist ein Ritual. Mein „Lehrer“ hat die Prozedur aufgeschrieben und erklärt sie Schritt für Schritt. Acht Hebel verlangen Aufmerksamkeit. Unter der Sitzbank spannt ein Hebel über ein gusseisernes Rad den Lederriemen(oder in diesem Fall verstärkter Gummi). Daneben Gas und Auslassventil-Regler. Die Zündung wird per Hebel am Armaturenbrett verstellt – weit nach vorn greifend. Am Boden zwei Pedale: eine runde Bremse und die Kupplung für den Wechsel von Low auf High (Direktantrieb). Der Tank sitzt vorne; zum Tanken muss die Lenkstange zur Seite gedreht werden.
Fahren verlangt Beweglichkeit. Für enge Kurven muss sich der Fahrer buchstäblich über den Beifahrer lehnen – oder den Kuhschwanz übergeben. „Strange but fun“, kommentiert mein Lehrmeister trocken.
Der Holzrahmen erinnert an die ersten Laufmaschinen. Dennoch gibt es erstaunlich viel Stauraum: unter den Sitzen, hinten und sogar mit Picknickkorb obenauf. Die großen Reifen (710x90) verleihen ihm eine kraftvolle Erscheinung. Das Dach wirkt charmant – wie viel Schutz es bei französischem Regen bietet, bleibt fraglich. Die Bremse? Eine Riemenscheibe am Hinterrad mit zwei dünnen Stahlseilen – elementar, aber wirkungsvoll.
Dann darf ich allein fahren. Der Riemenhebel ist schwerer als gedacht; ohne ausreichende Spannung bleibt er stehen. Noch einmal kräftig drücken – und er schießt vorwärts. Kaum Zeit, das Gas zu justieren. Doch unterwegs stellt sich das Lächeln von selbst ein. Der La Nef ist schnell, geschmeidig und erstaunlich direkt. Trotz der langen Lenkstange fühlt sich alles solide und mechanisch ehrlich an.
Eine offizielle VCC-Datierung für den London to Brighton Veteran Car Run besitzt dieses Fahrzeug nicht, da sich der Typ zwischen 1902 und 1909 kaum veränderte. Ein Abzeichen von 1989 belegt jedoch die erfolgreiche Teilnahme.
Auf dem Rückweg bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Ja, es war ein großartiges Erlebnis. Strange? Gewiss. Aber vor allem: fun.
Der Lacroix-de-Laville La Nef steht derzeit zum Verkauf. Für Mutige: zur Anzeige.
Text und Fotos: Laurens Klein