Das weltweite Magazin und der Marktplatz für Oldtimer-Enthusiasten – von Enthusiasten.
Das weltweite Magazin und der Marktplatz für Oldtimer-Enthusiasten – von Enthusiasten.
Eine lächelnde junge Frau, eine Küstenstraße und ein äußerst imposanter Rolls-Royce: Dieses vermutlich am 19. Februar 1935 entstandene Foto hält einen unbeschwerten Moment am Meer fest. Doch der Wagen neben ihr gibt uns ein faszinierendes Rätsel auf. Seine offene Karosserie unterscheidet sich deutlich von den eher formellen britischen Entwürfen, die man gewöhnlich mit diesem Modell verbindet. Die niedrige Windschutzscheibe, die geschwungenen Kotflügel, die abgedeckten Hinterräder und die ungewöhnliche Gestaltung der Kühlerpartie verleihen ihm einen ausgesprochen kontinentalen Charakter.
Das Kennzeichen liefert den deutlichsten Hinweis. Die Nummer IA-6066 wurde in Berlin vergeben, wobei IA für den Landespolizeibezirk Berlin stand. Eine Karosserie von einem der spezialisierten Karosseriebauer der deutschen Hauptstadt erscheint daher durchaus plausibel. Erdmann & Rossi wurde als wahrscheinlichster Kandidat genannt. Das berühmte Berliner Unternehmen fertigte individuelle Karosserien für Fahrgestelle von Rolls-Royce, Bentley, Bugatti, Horch, Maybach und Mercedes-Benz und wurde in den 1930er-Jahren für seine zunehmend fließenden, aerodynamisch beeinflussten Entwürfe bekannt.
Der unverkennbare Rolls-Royce-Kühlergrill scheint von einer scharf profilierten Einfassung umschlossen zu sein, welche die Linie der Motorhaube nach vorn und unten fortsetzt. Dadurch wirkt der Kühler geneigt und verleiht dem Phantom eine stromlinienförmigere Front, ohne die traditionelle Markenidentität vollkommen aufzugeben.
Eine Quelle identifiziert den Wagen genauer als ein von Johannes Beeskow entworfenes Phantom II Continental Drophead Cabriolet von 1932 oder 1933. Es ist eine reizvolle Theorie, die bislang jedoch nicht bewiesen werden konnte. Beeskow arbeitete zunächst für den Berliner Karosseriebauer Joseph Neuss. Als Erdmann & Rossi das Unternehmen 1933 übernahm, setzte er seine Laufbahn bei der vergrößerten Firma fort und wurde anschließend zu einem wichtigen Mitglied des Gestaltungsteams.
Auch die Continental-Bezeichnung lässt sich bislang nicht bestätigen. Der kürzere und sportlichere Phantom II Continental war für schnelle Langstreckenfahrten vorgesehen, und lediglich 281 Exemplare wurden gebaut. Um festzustellen, ob dieser Wagen dazugehört, wären die Fahrgestellnummer oder entsprechende Werksunterlagen erforderlich.
Bis auf Weiteres bleiben Erdmann & Rossi und Beeskow glaubhafte Möglichkeiten, jedoch keine gesicherten Tatsachen. Kann einer unserer Leser das Fahrgestell, den Karosseriebauer oder den ursprünglichen Besitzer des in Berlin zugelassenen IA-6066 identifizieren? Wir würden uns sehr über Hinweise freuen, die zur Lösung des Rätsels um diesen Phantom am Meer beitragen.
Foto: Raoul Rainer (Vintage Cars & People); Text: Laurens Klein