Das weltweite Magazin und der Marktplatz für Oldtimer-Enthusiasten – von Enthusiasten.
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Am Sonntag, dem 1. November, brechen erneut Hunderte Veteranenfahrzeuge von London in Richtung Brighton auf. Unter ihnen befindet sich ein guter Bekannter von uns: der Benz Velo von 1894 unserer Freunde vom Technik Museum Sinsheim. Mit seinen mehr als 130 Jahren zählt dieser Benz regelmäßig zu den ältesten Teilnehmern des London to Brighton Veteran Car Run. Nicht ohne Grund wurde ihm bereits zweimal die Startnummer 1 zugeteilt.
Wer glaubt, die rund 90 Kilometer zwischen London und Brighton seien für ein derart frühes Automobil eine gemütliche Sonntagsausfahrt, irrt sich. Für Hermann Layher und sein Team ist die Fahrt jedes Jahr aufs Neue eine technische und körperliche Herausforderung. Der erste Versuch im Jahr 2023 endete bereits nach zwanzig Minuten. Nach unzähligen Anpassungen, Reparaturen und vor allem viel Durchhaltevermögen erreichten sie 2024 und 2025 jedoch tatsächlich Brighton. Beide Male denkbar knapp.
In diesem Jahr wird Luca allein am Steuer des Benz sitzen. Welche Überraschungen die mehr als 130 Jahre alte Technik für ihn bereithält, wird sich unterwegs zeigen. Für PreWarCar.de blickt Hermann Layher auf die bisherigen Abenteuer zurück und erklärt, weshalb eine Fahrt von London nach Brighton mit einem Benz Velo eigentlich mit einer kompletten Mille Miglia vergleichbar ist – nur in Zeitlupe.
"2023 haben wir mit dem frühen Benz Velo versucht, die London-Brighton zu fahren. Wir sind auch nach etwa 20 Minuten hoffnungslos ausgefallen. Die Rallye hatten wir uns einfacher vorgestellt. Die Distanz ist nicht besonders weit und das Fahrzeug lief einigermaßen.
Am Wichtigsten ist hier die Vorbereitung. Ich habe die halbe Republik bereist, um ein Referenzmodell zu finden eines frühen Benz Velos. In Bayern wurde ich fündig. Das frühe Velo unterscheidet sich vom späteren in etlichen Dingen. Z.B. in der Kühlung oder im Kraftstoffreservoir usw. Dies musste zuerst auf den originalen Stand gebracht werden. Die Vorbesitzer haben auch versucht, einen moderneren Vergaser zu installieren. Hier wollten wir jedoch, da wir die Probleme kennenlernen wollen, die es original bei den Wagen gab, musste dies natürlich zum Originalzustand zurückgebaut werden. Auch bei den ledernen Treibriemen gibt es unterschiedliche Ansichten und Dogmen. Wir verwenden modernisierte Riemen, die innen eine Seele aus Kunststoff haben. Andere Eigner der frühen Wagen schwören auf reine Lederriemen, dies sei einfach originaler. Man muss diese jedoch dann, je nach Wetter und auch je nach Alter immer wieder kürzen. Auch die modernen Riemen, wenn man sie als Ersatz mitnehmen und gleich einsetzen will, müssen vorher auf dem Fahrzeug eingefahren werden, damit dies passt, sonst hat man viel zu tun, um die Riemen jeweils anzupassen und verliert soviel Zeit, dass man wahrscheinlich nicht in der vorgeschriebenen Mindestzeit ankommt, um die Finisher Medaille zu erhalten.
Das Velo war gut eingerichtet und so haben wir London-Brighton unter die Räder genommen. Dass die Batterie, die den Zündfunken bringt ab und zu zusammenfällt ist völlig normal. Deshalb braucht man eine zweite Batterie für den Notfall. Die Fahrerei mit dem Velo ist relativ einfach. Man sollte jedoch nie die Wartung vergessen.
Im Vorfeld war Christof Schmid sehr wichtig. Dieser ist einer der besten Velo Kenner überhaupt. Auch Mark Schaller hat uns im Vorfeld sehr gut geholfen. Wir sind dann angetreten 2025 und haben die Rallye auch zu Ende gebracht.
Und wenn man so denkt, dass 90 Meilen keine große Distanz sind, so mag dies stimmen, wenn man einen Mercedes Simplex von 1904 fährt, beim Velo befindet man sich in einer völlig anderen Welt. Da ist es eine richtig große Distanz. Es gibt keine Zeit zu essen und zu trinken. Die Stopps auf der Fahrt werden vom Auto vorgegeben, d.h. alle halbe Stunde ist ein kurzer Check der Schmierung und eine Wartung vorzunehmen. Wichtig ist, dass im Vorfeld das Ausgleichsgetriebe gut geschmiert ist, dies ist etwas empfindlich. Wichtig ist auch, dass das atmosphärische Einlassventil und das Auslassventil optimal geschmiert sind, diese neigen sonst zum festfressen und können nicht mehr schließen. Dann wird die Reparatur relativ aufwendig, deshalb immer schön anhalten, Schmierdienst machen, Wartung machen, alles kontrollieren, ob die Riemen richtig sitzen, ob alles stimmt.
Weiterhin gibt es sehr starke Steigungen. Gott sei Dank hat unser Velo nachträglich irgendwann einmal einen Berggang erhalten. Dies ist extrem nützlich, wenn man langsam fahren möchte und wenn man eine Steigung zu bewältigen hat. Trotzdem war es bei 3 Steigungen wichtig, dass der Beifahrer absteigt und neben dem Wagen her galoppiert und teilweise auch ein bisschen schiebt, sonst ist dies nicht zu schaffen. Wenn man dann aber bergab fahren muss, so ist die Sache umgedreht, es empfiehlt sich extrem vorsichtig zu Werke zu gehen, weil die Bremsen für ein voll beschleunigtes Velo bergab nicht ausreichen. Schließlich bewegt man sich ja im modernen Straßenverkehr.
Die einzige Pause gab es kurz in Crawley. Dort war Zeit für Toilette und eine schnelle Tasse Kaffee, dann musste es schon wieder weitergehen, um keine Zeit zu verlieren, weil ja unser Ziel war, die Finisher Medaille zu erreichen.
Das letzte Mal kamen wir im letzten Büchsenlicht, 10 Minuten vor der Zeit an und konnten uns die Finisher Medaille sichern. Ganz besonders willkommen war die Kleinigkeit zu essen im Ziel. Das Chilli con Carne in Brighton das beste Chilli, das man auf der Welt bekommen kann, weil bekanntlich Hunger der beste Koch ist.
Man ist ja auch den Elementen schutzlos ausgesetzt. Man muss gut ausgerüstet sein für Regen und für Kälte. Allerdings kann man nicht endlos viele Dinge anziehen, weil sonst das Fahrzeug überladen ist und weil auf dem Fahrzeug auch kaum Platz ist für irgendwelche Ausrüstungsgegenstände. Auch hier ist es notwendig, dass man sich entsprechend organisiert. Dies ist herauszufinden durch häufiges Benützen des Fahrzeuges unter dem Jahr.
Dieses Jahr wird Luca alleine fahren. Ich selbst bin zu dem Zeitpunkt nicht in der Nähe, so sind wir alle sehr gespannt, was uns das Benz Velo für neue Aufgaben gibt. Nach den letzten beiden Male London-Brighton waren wir für den Rest der Saison gut beschäftigt, um das Fahrzeug in ordentlichen Zustand zu bringen und alles zu reparieren, was notwendig war. Ganz wichtig ist auch, dass man durch regelmäßige Benutzung unter dem Jahr mit dem Fahrzeug verbunden ist, dass man die kleinen Handgriffe lernt bzw. kennenlernt, sonst ist eine London-Brighton Fahrt nicht so ohne weiteres möglich.
Ganz schön ist auch das Drumherum von London-Brighton. Wir haben uns das Fahrzeug bringen lassen, der Transporter ist weitergefahren nach Brighton. Wir waren so zwei Tage in London mit dem Velo unterwegs und sind munter durch die Stadt gefahren. Ganz schön war die Fahrt zum Concours d’Elegance beim Royal Automobil Club. Dort konnte man die anderen Fahrzeug in Ruhe betrachten und sich im Royal Automobil Club stärken. An- und Abfahrt selbstverständlich auf Achse durch die Stadt. Dies war sehr schön.
Dies sind einige Eindrücke von London-Brighton mit einem frühen Auto. Gefreut haben wir uns, dass wir zwei Mal die Startnummer 1 bekommen haben, als ältestes Fahrzeug im Event.
Unsere Ankunft 2024 und 2025 hing am seidenen Faden und war ein regelrechtes Wunder.
Merke: Schlauchblitz ist eine universale Geheimwaffe, um London-Brighton zu schaffen.
Viele Grüsse
Hermann Layher"