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Bei jedem Wetter: unterwegs mit einem Alfa Romeo RLS von 1923

Ein wenig Regen hält einen Alfa Romeo nicht auf. 
Es ist ein trüber Oktobernachmittag auf dem niederländischen Land. Der Himmel ist grau, es nieselt, und die Straßen sind nass. Nicht unbedingt das Wetter, das man sich für eine Fahrt mit einem mehr als hundert Jahre alten italienischen Sportwagen vorstellt. Zuletzt sahen wir diesen Alfa Romeo bei der Mille Miglia 2019. Damals schien die Sonne über Brescia und die italienischen Straßen bildeten die Kulisse. Heute sind es nasse Landstraßen und niederländische Wolken. Den Alfa Romeo scheint das jedoch kaum zu kümmern.

 

Ein Alfa Romeo aus der Zeit vor Jano

Vor uns steht ein Alfa Romeo RL Sport der dritten Serie aus dem Jahr 1923 mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Er stammt aus einer Zeit, in der Alfa Romeo seinen sportlichen Ruf noch aufbaute. Der RL wurde von Giuseppe Merosi entworfen, der seit der Gründung von A.L.F.A. im Jahr 1910 für die technische Entwicklung verantwortlich war. Vittorio Jano, der die Marke später mit seinen berühmten 6C-Modellen und Grand-Prix-Wagen zu Weltruhm führen sollte, war damals noch nicht von Fiat gekommen.

Unter der langen Motorhaube arbeitet ein mächtiger 3,0-Liter-Reihensechszylinder. Auf den ersten Blick wirkt er beinahe konventionell, besonders im Vergleich zu den technisch anspruchsvollen Alfa-Romeo-Motoren späterer Jahre. Es gibt keine zwei obenliegenden Nockenwellen, sondern eine robuste Konstruktion mit über Stoßstangen betätigten, hängenden Ventilen. Der ursprüngliche RL Sport leistete rund 71 PS – damals keineswegs ein bescheidener Wert. Dieses Exemplar verfügt außerdem über eine Trockensumpfschmierung, wie sie später auch beim Super Sport zum Einsatz kam.

Der Aufbau ist mindestens ebenso interessant. Der charakteristische V-förmige Kühler, die lange Motorhaube und die Kotflügel mit ihrem markanten Knick und den spitz zulaufenden Enden verleihen dem Fahrzeug ein kraftvolles Profil. Obwohl vier Personen Platz finden, wirkt er aus nahezu jedem Blickwinkel wie ein echter Sportwagen. Gerade diese Kombination macht ihn so attraktiv.

 

Viele erhaltene RL wurden im Laufe der Jahre zu zweisitzigen Targa-Florio-Specials umgebaut. Das ist vielleicht verständlich, denn die Werksrennwagen gehören zu den berühmtesten Alfa Romeo dieser Epoche. Umso mehr freut es uns, dass dieses Exemplar seinen Charakter als sportlicher viersitziger Tourenwagen bewahrt hat. Dadurch besitzt es eine Eleganz, die vielen umgebauten Fahrzeugen verloren gegangen ist.

 

Von der Targa Florio nach Australien

Der sportliche Ruf des RL wurde früh begründet. 1923 gewann Ugo Sivocci mit einem speziell aufgebauten RL die Targa Florio auf Sizilien. Es war ein wichtiger Sieg für Alfa Romeo, das in jenen Jahren mit Fahrern wie Antonio Ascari, Giuseppe Campari und Enzo Ferrari antrat. Ferrari gewann im selben Jahr mit einem RL den Circuito del Savio – ein Rennen, das auch in der Geschichte seines späteren Cavallino Rampante eine besondere Rolle spielte.

Unser Exemplar mit der Fahrgestellnummer 7639S wurde Ende 1923 gebaut und im Januar 1924 gemeinsam mit dem Schwesterfahrzeug 7638S nach Australien verschifft. Importeur war Overseas Motors in Melbourne, eines der Pionierunternehmen, die die italienische Marke auf dem australischen Kontinent einführten.

Die Fahrzeuge trafen als fahrbereite Fahrgestelle ein, komplett mit Motorhaube, Kotflügeln, Beleuchtung und Armaturenbrett. Die Karosserien wurden anschließend vermutlich in Melbourne nach dem Vorbild der italienischen Werksmodelle gefertigt.

Einer erhaltenen Zeitungsanzeige zufolge waren die Automobile ursprünglich für eine Rallye durch die australischen Alpen vorgesehen. Sie trafen jedoch zu spät ein und wurden deshalb zum Verkauf angeboten. Bereits in dieser Anzeige wurde ausdrücklich auf die sportliche Targa-Florio-Spezifikation verwiesen, obwohl sich der 3,0-Liter-Motor von den größeren Triebwerken einiger Werksrennwagen unterschied.

Von den rund 2.500 gebauten RL entfielen 537 auf die Sport-Ausführung. Nach den vorliegenden Unterlagen sind heute weniger als zwanzig RL bekannt, darunter lediglich zwei Exemplare des RLS der dritten Serie. Damit ist dieser Viersitzer eine außergewöhnlich seltene Erscheinung.

 

Ein zweites Leben

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Alfa Romeo auf einer Farm im australischen Bundesstaat Victoria wiederentdeckt. Ein Zahnarzt aus Warrnambool bewahrte den Wagen viele Jahre lang auf, bevor er in den 1950er-Jahren in die Parker Collection gelangte. Später ging er an den australischen Sammler Lance Dixon und kam in den 1980er-Jahren in das York Motor Museum von Peter Briggs in Western Australia. 2009 wechselte er in nordirischen Besitz.

2017 wurde der Alfa Romeo auf PreWarCar.com zum Verkauf angeboten. Dort entdeckte ihn sein heutiger Besitzer, ein begeisterter Alfa-Romeo-Liebhaber, der nicht nur seine Geschichte schätzte, sondern den Wagen vor allem tatsächlich nutzen wollte. Der Kilometerzähler zeigte damals rund 43.000 Kilometer an – ein auffallend niedriger Stand, der sich teilweise durch die vielen Jahre in Sammlungen und Museen erklären lässt. Wenige Kilometer bedeuten jedoch nicht automatisch wenig Wartungsaufwand. Mechanisch war einiges zu tun.

Der Motor wurde überholt, und auch die übrige Technik erhielt umfangreiche Arbeiten. Viel Zeit, Geld und vor allem Leidenschaft flossen in das Fahrzeug. Mit Erfolg, denn seitdem hat der Alfa Romeo zahlreiche Kilometer zurückgelegt.

 

2019 nahm der Besitzer gemeinsam mit seiner Familie an der Mille Miglia teil. Aufkleber mit den Namen der Familienmitglieder und Erinnerungen an die Veranstaltung befinden sich noch immer am Fahrzeug. Auch auf der berühmten Steilkurve von Montlhéry war der Alfa Romeo unterwegs, wo er sich unter anderen Vorkriegssportwagen sichtlich zu Hause fühlte.

Der Sechszylinder erwacht zum Leben

Zurück zu unserem regnerischen Oktobernachmittag. Es ist Zeit aufzubrechen.

Der Startvorgang erfordert noch etwas Aufmerksamkeit. Zunächst wird der Ölhahn geöffnet, dann die Zündung eingeschaltet. Die elektrische Kraftstoffpumpe beginnt hörbar zu arbeiten. Kurz die Vergaser fluten, den Starterknopf drücken – und der große Reihensechszylinder erwacht mit einem tiefen Brüllen zum Leben.
Plötzlich ist die Stille der niederländischen Landschaft verschwunden.

 

Der Motorklang ist beeindruckend: ein schweres, mechanisches Geräusch, das perfekt zum Erscheinungsbild des Wagens passt. Dies ist kein leichtfüßiger Rennwagen, sondern ein kraftvoller sportlicher Tourer. Auch technisch war dieser RL Sport der dritten Serie zu seiner Zeit ein ernst zu nehmendes Automobil. Er gehörte zu den ersten Alfa-Romeo-Modellen mit Bremsen an allen vier Rädern – eine wichtige Verbesserung, die ab September 1923 eingeführt wurde.

 

Während der Regen auf die Karosserie fällt, wird deutlich, weshalb dieser Alfa Romeo mehr als ein Jahrhundert überlebt hat. Seine Faszination liegt in der Kombination aus solider Technik, sportlichen Fahrleistungen und unverkennbar italienischer Formgebung.

 

Zum Fahren gebaut

Die niederländische Landschaft ist vielleicht nicht die naheliegendste Kulisse für einen Alfa Romeo von 1923. Doch während der Wagen im Regen verschwindet, wird uns bewusst, dass dies kaum eine Rolle spielt.

Die australischen Alpen, die Hügel rund um Brescia, die Steilkurve von Montlhéry oder eine nasse Landstraße in den Niederlanden: Dieser Alfa Romeo fühlt sich überall zu Hause, solange er nur fahren darf.

Man sagt oft, bei Alfa Romeo gehe es vor allem um Emotionen. Nach einem Nachmittag mit diesem RL Sport verstehen wir erneut, weshalb. Es liegt nicht allein am Klang, an der Technik oder an den eleganten Linien der Karosserie. Vor allem zeigt es sich im breiten Lächeln des Fahrers, wenn er trotz des Regens erneut hinter das Lenkrad steigt.

 

Dieser Alfa Romeo RLS von 1923 kann in dieser Woche auf dem Stand von PreWarCar.com bei der Auto e Moto d’Epoca in Bologna bewundert – und gekauft – werden. Weitere Informationen finden Sie in der Anzeige auf PreWarCar.de.

 

Text: Laurens Klein


 

Publiziert:
Donnerstag Oktober 22nd, 2026

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